Du bist im Gespräch.
Dein Gegenüber sagt etwas.
Und in dir passiert plötzlich ein Feuerwerk.
Vielleicht wird dir heiß.
Vielleicht ziehst du dich innerlich zurück.
Vielleicht fühlst du dich gelähmt und bekommst einen leeren Kopf.
Oder du explodierst.
Und später fragst du dich: Was ist denn los mit mir?
Warum hat mich das so getroffen?
Manchmal reagieren wir auf Dinge viel heftiger, als die Situation es hergibt.
Ein Tonfall.
Ein Blick.
Ein Satz, der eigentlich harmlos gemeint war.
Und plötzlich bist du in einem Gefühl gefangen, das sich viel zu groß anfühlt für den Anlass.
Warum ist das so?
Oft reagierst du nämlich gar nicht auf das, was gerade passiert.
Sondern auf etwas, das viel weiter zurückliegt.
Eine alte Erfahrung.
Ein Moment, der sich tief eingeprägt hat.
Der Satz deiner Kollegin ist eigentlich ganz harmlos.
Aber er erinnert dich an etwas, das du als Kind erlebt hast.
An einen Moment, in dem du dich klein gefühlt hast.
Wo du nicht gehört wurdest.
Wo du nicht ernst genommen wurdest.
Oder es ist eine spätere Erfahrung, die sich in dir festgesetzt hat.
Dein Kopf und dein Bauch haben sich das gemerkt.
Und seitdem passen sie auf.
Nur eben manchmal ein bisschen zu gut.
Und dann kommen vielleicht noch die Etiketten von anderen obendrauf.
„Du bist immer so schwierig.“
„Du bist ein Sensibelchen.“
„Du reagierst über.“
Das hilft natürlich kein bisschen.
Es ist ja nicht so, dass man das mit Absicht macht.
Ich wäre auch gern unkompliziert.
Und es gibt etwas, das erstaunlich gut hilft.
Zwischen dem Moment, in dem
dich etwas trifft, und deiner Reaktion liegt ein kleiner Zwischenraum.
Vielleicht drei Sekunden.
Du musst es nur schaffen, in diesen drei Sekunden erst mal nichts zu tun.
Nur fühlen.
Nur wahrnehmen, was da gerade ist.
Benennen, was du fühlst.
Nicht analysieren.
Nicht bewerten.
Einfach nur: „Ah, da ist Wut.“ Oder: „Da ist dieser Stich in der Brust.“
Und dann kannst du bewusst wählen, wie du antworten willst.
Du kannst dich zum Beispiel fragen: Wie würde ich reagieren, wenn dieser wunde Punkt nicht da wäre?
Wäre ich dann freier?
Hätte ich dann mehr Möglichkeiten?
Meistens ist die Antwort: Ja.
Und allein das zu sehen, verändert schon etwas.
Das Schöne daran ist: Je öfter du diesen kleinen Moment nutzt, desto mehr merkst du, dass du deinen Triggern und deinen Gefühlen gar nicht so ausgeliefert bist, wie es sich manchmal anfühlt.
Du kannst sie haben.
Du kannst sie spüren.
Ohne dass sie dich regieren.
Das ist keine Technik, die man einmal lernt und dann beherrscht.
Es ist eher etwas, das wächst.
Wie eine Gewohnheit, die sich langsam festigt.
Am Anfang wirst du es vielleicht nur hinterher bemerken.
Das ist okay.
Dann später bemerkst du es mittendrin.
Und irgendwann, bevor du reagierst.
Und irgendwann merkst du, wie viel leichter das Leben sich anfühlt, wenn dich nicht mehr jeder Satz und jeder Blick aus der Bahn werfen kann.
Dann fragst du dich nicht mehr: „Was stimmt nicht mit mir?“
Sondern du denkst: „Ah, ich weiß, woher das kommt.“
Und das ist ein ruhiges, gutes Gefühl.
Ein Gefühl, das dich freier macht.
Alles Gute für dich.
@Ralf Senftleben (Zeit zu leben)
Fotonachweis: unsplash.com / @Karan Mandre







