Einige spirituelle Praktiken zielen darauf ab, ein Erwachen herbei zu führen. Die Zen-Meister bedienten sich beispielsweise eines sogenannten Koan, das ist eine Frage oder Aussage, die für den Verstand ziemlich widersinnig klingt und den Verstand so durcheinander bringen soll, dass schließlich unser wahres Sein erwachen kann. Manche sehen in der Meditation oder auch im Fasten eine Chance zu erwachen.
Was ist aber das Erwachen tatsächlich?
Erwachen kann nur jemand, der schläft. Wenn wir morgens aufwachen, sind wir doch eigentlich wach, also woraus sollen wir dann noch weiters erwachen? Mit dem Erwachen im spirituellen Sinne hat das körperliche Erwachen nichts zu tun. Mit dem spirituellen Erwachen ist gemeint, dass sich der Nebel aus der Wahrnehmung verzieht und der Mensch ungestört vom Kopfkino die Welt wahrnimmt.
Einen Hauch davon, was dies bedeutet, kann man dadurch erhaschen, indem man für einen Augenblick vollkommen ruhig wird und nur der konkreten Sinneswahrnehmung folgt. In dem man sich für einen Augenblick aller Anhaftungen an Gedanken und inneren Treibern entsagt und einfach DA ist. Setz Dich hin, sei da. Sei einfach nur da! Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Bleibe da. Sei einfach nur da! Erlaube der Aufmerksamkeit nicht, in irgendwelche Gedankentraumwelten abzuhauen, sondern sei einfach da. In diesem Moment, der kein Anfang und kein Ende hat. Jetzt und Jetzt und Jetzt. Lass die Aufmerksamkeit in diesem und nur in diesem Moment sein.
Wer dies ausprobiert, wird schnell feststellen, wie schnell seine Gedanken und Emotionen ihn wieder auf andere “Spielfelder” entführen. Schließlich gibt es noch dies und das dringend zu erledigen. Und es ist jetzt einfach keine Zeit, “nichts” zu tun. Man könnte ja als faul hingestellt werden.
Erwachen ist keine Handlung, sondern das Gegenteil. Es ist das Geschehen lassen. Es ist der Inbegriff des Vertrauens. Du hast es als Kleinkind erlebt. Da hattest Du Dir keine Gedanken über den Sonnenuntergang, das Essen, das Herumlaufen, usw. gemacht. Es ging nicht um die Sinnfrage. Es ging um das pure Erleben. Aus der Sicht der Erwachsenen war Dein pures Wahrnehmen und Erleben “Träumerei” und irgendwann haben Sie Dich schließlich in die “harte Realität” geholt. Doch diese “harte Realität” ist in Wirklichkeit ein Traum. Sie haben Dich durch ihr Gerede und die ganzen Zielsetzungen in eine Welt geholt, die zum Großteil nur in Gedanken exisitert.
Wenn Du heute mit jemandem spazieren gehst, dann redest und denkst Du über alles Mögliche und bist im Traum Deiner Gedanken. Du bist nicht da. Du bist nicht in der puren Wahrnehmung sondern in Deinem Kopfkino unterwegs. Wenn Du mit jemandem telefonierst, bist Du mit Deinem Gesprächspartner in Phantasiegebilden unterwegs.
In der puren Wahrnehmung herrscht Ruhe. Schau Dich um. Was siehst Du tatsächlich ohne Deine Gedanken und Geschichten?
Wie kann man das Erwachen “erreichen”?
Gar nicht, weil es Deine Natur ist. Erwachen ist der Verzicht auf Geschichten und Zukunftsprognosen. Das Loslassen aller Identifikationen und eingebildeten Zwänge. Vollkommene Hingabe an das, was ist! Ohne (Be)urteilen, ohne Kopfkino. Da fragt der Verstand: “Und so kann man leben? Schließlich muss man ja arbeiten gehen und auch seinen Verstand benutzen.” Richtig! Aber wer kann seinen Verstand besser benutzen? Der Träumer, der sich mit seinen Gedanken identifiziert und glaubt, der Verstand zu sein oder derjenige, der weiß, dass er nicht der Verstand ist und diesen einfach nur wie ein Instrument benutzen kann?
@Andreas Matthis
Fotonachweis: unsplash.com / @Mohamed Nohassi






