Ich habe lange eine falsche Sache geglaubt.
Und zwar dass gute Gefühle eine Art Belohnung wären.
Etwas, das einem zufällt, wenn die Umstände endlich stimmen.
Wenn das Projekt fertig ist, der Urlaub beginnt, die Kinder größer sind.
Es hat Jahre gedauert, bis ich gemerkt habe, dass an dieser Annahme etwas grundlegend nicht stimmt.
Denn während du auf den richtigen Moment wartest, läuft etwas anderes leise weg.
Deine Tage, deine Wochen, deine Monate.
Deine Lust auf das eigene Leben.
Und irgendwann stehst du an einem Sonntagabend in der Küche, schaust aus dem Fenster und denkst: Es ist schon wieder so spät geworden.
Das Warten selbst ist der Dieb.
Nicht die Umstände, auf die du wartest.
Aber warum tun wir das?
Warum richten wir uns so geduldig im Wartesaal ein?
Weil wir glauben, gute Gefühle würden uns finden, sobald die Bedingungen endlich passen.
Das ist eine sehr alte Idee.
Sie steckt tief in uns.
Und sie hält uns davon ab, etwas zu sehen, das viel einfacher wäre.
Dabei sagt die Wissenschaft dazu etwas ganz anderes.
Positive Gefühle entstehen aus konkreten Handlungen.
Nicht aus glücklichen Umständen.
Das klingt erst mal unspektakulär.
Aber wenn du diese Idee einen Moment auf dich wirken lässt, dreht es einiges um.
Du musst nicht warten, bis die Welt sich um dich herum sortiert.
Du kannst etwas tun, das gute Gefühle erzeugt.
Heute, in der nächsten Stunde, in den nächsten zehn Minuten.
Und nein, ich rede hier nicht von spektakulären Sachen.
Es ist Bewegung im Tageslicht, auch wenn der Himmel grau aussieht.
Es ist die kleine Aufgabe, die du mit einem „Das habe ich gut gemacht“ abschließt.
Es ist ein kurzer Moment echter Verbindung mit einem Menschen, dem du wirklich zuhörst.
Es ist die eine Sache am Tag, die dir etwas bedeutet und die du nicht aufschiebst.
Das klingt alles ziemlich unscheinbar.
Aber es funktioniert mit einer fast peinlichen Zuverlässigkeit.
Es ist ein beinahe nüchternes Handwerk.
Wenig Stimmung, viel Wiederholung.
Und gerade weil es so unspektakulär ist, übersehen es so viele.
Spannend wird es aber erst nach ein paar Wochen.
Aus den kleinen Handlungen wird eine Grundstimmung.
Du merkst, dass du nicht mehr ganz so oft auf den nächsten Moment wartest.
Du merkst, dass dieser Moment manchmal schon gut ist, weil du etwas darin getan hast.
Es ist der Punkt, an dem aus einer Übung ein Lebensgefühl wird.
Und an irgendeinem ganz normalen Tag, ohne dass du es bemerkst, fällt dir auf: Du wartest gerade nicht.
Du gestaltest deinen Tag, statt ihn zu erdulden.
Das gute Gefühl ist nicht zu dir gekommen, weil sich etwas außen verändert hätte.
Es ist gekommen, weil du etwas getan hast.
Und das verändert die Art, wie du in die nächste Woche gehst.
Und in die übernächste auch.
Also … mehr tun, was dir wirklich etwas bedeutet.
Und weniger warten, dass sich etwas ändert.
Alles Gute für dich.
@Ralf Senftleben (Zeit zu leben)
Fotonachweis: unsplash.com / @Aldo Vukaj







