Halb sieben, abends, und och ich bin schon wieder gereizt.
Jesses, schon der zweite Anlauf für die gleiche doofe Mail. In mir brodelt etwas, das ich nicht so recht greifen kann.
Ich sage zu mir „reiß dich doch mal zusammen“.
Macht es das besser? Du ahnst es schon: eher nein. Ich gieße damit nur noch mehr Öl in mein inneres Feuer der Gereiztheit.
Es ist nun mal so:
Wer ein Gefühl wegdrückt, drückt es nicht weg.
Es geht nur in den Keller, dreht ein paar Runden zwischen Schulterblättern und Magen, und kommt durch die Hintertür wieder rein.
Eine Stunde später maulst du deine Frau, deinen Mann, deine Kinder an, ohne zu wissen, warum.
Drei Tage später hast du Kopfschmerzen, die niemand erklären kann.
Eine Woche später kannst du nachts nicht schlafen, und das hat längst nichts mehr mit der Mail von vorhin zu tun.
Ja, Gefühle sind eine knifflige Sache.
Wir behandeln unsere Gefühle wie Störer, die uns vom richtigen Leben abhalten.
Aber Gefühle stören nicht, sie melden sich nur: „Hallo, hier bin ich.“
Sie sind so etwas wie Boten, die einen Brief abliefern wollen.
Wut, die durch dich hindurchzieht, sagt dir: Hier ist gerade eine Grenze überschritten worden.
Angst sagt: Hier steht etwas auf dem Spiel, das dir wichtig ist.
Traurigkeit sagt: Hier hast du etwas verloren, das einen Platz in dir hatte.
Wenn du den Boten in den Keller schickst, bekommst du die Nachricht nie zu Gesicht.
Und ohne Nachricht gibt es nur eine einzige Bewegung, die dir bleibt.
Dann reagierst du nur noch, statt zu entscheiden.
Wenn du wütend bist, tust du wütende Dinge.
Wenn du Angst hast, tust du ängstliche Dinge.
Wenn du traurig bist, ziehst du dich zurück, ohne es bewusst gewählt zu haben.
Du hast das Gefühl in diesem Moment nicht. Du BIST das Gefühl.
Und genau hier entscheidet sich für viele Menschen ihr Leben, ohne dass sie es bemerken.
Denn wer mitten im Gefühl steckt, hat keinen Spielraum mehr.
Dein Gefühl hat das Steuer übernommen, und du sitzt daneben und schaust zu, wie es dich durch den Abend lenkt.
Und du handelst aus dem Gefühl, aus dem Impuls. Was erstaunlich oft schief geht.
Ja, du kannst so oder so mit deinen Gefühlen umgehen.
Und das ist die gute Nachricht in dieser Sache: Es gibt einen anderen, besseren Weg, und er ist erstaunlich einfach.
Der erste Schritt ist ziemlich einfach.
Du benennst das Gefühl ehrlich für dich selbst.
Nicht in der Sorte „Ich bin so durcheinander gerade“.
Sondern: „Ich bin wütend, weil ich seit zwei Stunden warte und niemand bei mir nachfragt“.
Ein klarer Satz, in der ersten Person, mit dem konkreten Anlass dran.
In dem Moment, in dem du das tust, passiert etwas Seltsames in deinem Kopf.
Die laute Region, die das Gefühl gerade auf Sendung hat, beruhigt sich ganz von selbst.
Hirnforscher konnten das sogar messen: Sobald du ein Gefühl benennst, schaltet sich der ruhige, denkende Teil deines Gehirns ein, und der laute, alarmierte Teil wird automatisch leiser.
Du bist immer noch wütend, aber du bist jetzt jemand, der Wut spürt. Und nicht mehr jemand, der vor lauter Wut nur noch reagiert.
In diesem winzigen Spalt zwischen Reiz und Reaktion lebt etwas unfassbar Wichtiges.
Echte Wahlfreiheit, mitten im Alltag.
Du kannst die Mail jetzt schreiben oder erst eine Stunde später.
Du kannst dem Menschen erklären, was in dir los war, oder erst einmal Abstand nehmen.
Du kannst dich entschuldigen oder ruhig bei deiner Sache bleiben.
Plötzlich gibt es Optionen, wo eben noch eine einzige zwingende Reaktion stand.
Und das ist im Grunde alles, was wir mit „innerer Freiheit“ eigentlich meinen.
Es geht nicht um den Menschen ohne Gefühle, den nichts mehr berührt.
Es geht um den Menschen, der seine Gefühle führen kann, statt sich von ihnen führen zu lassen.
Ich erwische mich übrigens selbst regelmäßig dabei, sogar nach all den Jahren. Solche Dinge lernen wir nicht ein für alle Mal.
Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, was uns wirklich gut tut.
Genau deshalb schreibe ich diesen Newsletter: damit wir uns gemeinsam an die kleinen, wichtigen Dinge erinnern, die im Alltag so leicht untergehen.
Und das fühlt sich am Anfang gar nicht spektakulär an.
Eher unscheinbar und ziemlich leise im Inneren.
Aber wenn du das ein paar Wochen lang übst, passiert etwas, was du gar nicht direkt steuerst.
Dein Tonfall in schwierigen Momenten wird ruhiger.
Deine Entscheidungen werden klarer und passen besser zu dir.
Die Menschen um dich herum bemerken es oft, bevor du es selbst bemerkst.
Und dann ist er wieder da, dieser Moment.
Halb sieben Uhr abends, die Mail will einfach nicht klappen, und innen drin fängt es an zu brodeln.
Aber diesmal sagst du nicht „reiß dich zusammen“.
Diesmal hältst du kurz inne und fragst leise in dich hinein: „Du da, was bist du für ein Gefühl, und was willst du mir eigentlich sagen?“
Du wartest auf die Antwort, und sie kommt.
Auf einmal ist da Platz in dir, wo vorher nur Gewitter war.
Du gießt kein Öl mehr in dein eigenes Feuer. Du erstickst es auch nicht hektisch. Du setzt dich daneben, hörst hin und entscheidest dann ganz ruhig, was jetzt als Nächstes dran ist.
Alles Gute für dich.
Ralf Senftleben (Zeit zu leben)
Fotonachweis: unsplash.com / @Vitaly Gariev






