Du und ich, wir sind erstaunlich gut darin, unsere Gefühle wegzuverwalten.
Wir haben Methoden dafür.
Wir scrollen auf dem Handy.
Wir essen schnell etwas.
Wir lenken uns mit unwichtigem Mist ab.
Wir trinken ein Glas Wein.
Und wir haben das so automatisiert, dass wir oft gar nicht mehr merken, dass wir es überhaupt tun.
Erst spät am Abend … wenn all die Methoden nicht mehr greifen, dann taucht etwas auf, das den ganzen Tag schon da war.
Denn tagsüber hattest du keine Zeit dafür.
Da war die Mail um halb sechs.
Da war die Wäsche, die in den Trockner musste.
Da war das Telefonat mit deinem Bruder.
Aber wenn sich etwas in dir gewehrt hat, ein Stich, ein Engegefühl, eine leise Müdigkeit, hast du es freundlich weggewinkt.
„Nicht jetzt. Später.“
Aber Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie wegwinken.
Sie warten einfach geduldig ab.
Und dann kommen sie wieder, wenn es still wird.
Manchmal auch, wenn wir sie am wenigsten gebrauchen können.
Dann mit aller Macht.
Manchmal melden sie sich gar nicht mehr als Gefühl, sondern als verspannter Nacken am Donnerstagabend.
Oder als merkwürdige Gereiztheit, wenn dein Partner nur freundlich fragt, ob du noch einen Tee möchtest.
Oder als das dritte Glas Wein, von dem du nicht so genau weißt, warum du es eigentlich brauchst.
Denn dein Körper … der hat Übersetzer, wenn deine Seele nicht zu Wort kommen darf.
Und seine Übersetzungen sind manchmal ziemlich grob und rau.
Also was tun?
Sollen wir jedem kleinen Gefühl den vollen Raum geben?
Nein, dann säßen wir den halben Tag in unserem eigenen Innenleben fest und kämen zu nichts anderem mehr.
Es geht um etwas viel Kleineres.
Es genügt, das Gefühl einmal kurz anzusehen.
Mehr brauchst du gar nicht zu tun.
Und ja, dieses Hinschauen fühlt sich anfangs kurz schlimmer an.
Es ist ein bisschen unangenehm und auch ein bisschen störend.
Aber wirklich nur für einen Moment.
Denn wenn wir hinschauen, wird das Gefühl kurz intensiver, und dann wird es leiser.
Ein Gefühl, das gesehen wird, muss nicht mehr schreien.
Es darf einfach da sein, ein bisschen verschnaufen, und wieder gehen.
Die Hirnforschung hat dieses Phänomen ziemlich genau untersucht.
Sie nennt es etwas sperrig „Affect Labeling“.
Das heißt schlicht: ein Gefühl bekommt einen Namen.
Sobald du ein Gefühl benennen kannst, „ich glaube, ich bin gerade enttäuscht“, beruhigt sich messbar dein Nervensystem.
Das Wort wirkt wie eine ruhige Hand auf einem erschrockenen Tier.
Es muss nicht mehr fliehen.
Es muss nicht mehr kämpfen.
Es darf weicher werden.
Und es braucht erstaunlich wenig dafür.
1-2 Minuten reichen meistens.
Augen zu, eine Hand auf den Bauch, eine ehrliche Frage an dich selbst:
„Was ist da gerade in mir?“
Du suchst keine Lösung.
Du willst nichts reparieren.
Du hörst einfach einmal kurz hin.
Du musst dein inneres Wetter nicht in Ordnung bringen.
Du darfst es einfach kennen.
Und an irgendeinem ganz normalen Tag merkst du, dass du andere Entscheidungen triffst.
Plötzlich sind es klarere Entscheidungen.
Solche, die wirklich zu dir passen.
Weil du nicht mehr einfach auf das reagierst, was du nicht spüren willst.
Vielleicht legst du heute Abend, bevor das Licht ausgeht, kurz die Hand auf deinen Bauch.
Und fragst einmal leise nach, was da gerade in dir ist.
Mehr brauchst du nicht zu tun.
Du wirst überrascht sein, wie höflich dein Inneres antwortet, wenn du es freundlich fragst.
Alles Gute für dich.
@Ralf Senftleben
Fotonachweis: unsplash.com / Vladimir Fedotov







