Du bist heute Morgen aufgestanden.
Du hast vielleicht warmes Wasser aufgedreht, dir einen Kaffee gemacht, vielleicht kurz aus dem Fenster geschaut und du siehst jemanden, den du kennst.
Das war alles ganz normal für dich.
Dabei hast du gerade wahrscheinlich 5 Dinge getan, um die dich jemand anderes beneidet.
Und du hast keines davon bemerkt.
Dein Gehirn spielt dir einen fiesen Streich.
Es lässt gute Dinge in deinem Leben mit der Zeit unsichtbar werden.
Hedonische Adaptation nennt sich das – und es heißt nichts anderes, als dass sich dein Gehirn an alles gewöhnt, was sich nicht verändert.
An warmes Wasser, an ein Dach über dem Kopf, an Menschen, die einfach da sind.
Was einmal ein Geschenk war, wird irgendwann zu Hintergrundrauschen.
Und das hat Folgen für dein Leben.
Du erinnerst dich vielleicht an deine erste eigene Wohnung.
Du hast wahrscheinlich auf dem Boden gesessen, dich umgeschaut und gedacht: Das hier gehört mir.
Drei Monate später war es nur noch die Wohnung, in der der Wasserhahn tropft.
Den neuen Job, den du zuerst so gefeiert hast, hast du nach einem Jahr als Pflichtprogramm empfunden.
Die Freundschaft, die dich durch eine schwere Zeit getragen hat, läuft irgendwann nur noch so nebenher.
Es hat sich nichts verschlechtert an diesen Dingen.
Du hast einfach aufgehört, hinzuschauen und wertzuschätzen.
Und genau das kostet dich etwas, ohne dass du es merkst.
Denn wenn das Gute unsichtbar wird, bleibt nur noch das sichtbar, was fehlt.
All das, was nicht funktioniert, was nervt, was noch erledigt werden muss.
Plötzlich hast du das Gefühl, dass immer irgendwas fehlt.
Obwohl eigentlich so viel da ist, was gut läuft.
Ich kenne das auch von mir selbst.
Du bist wegen irgendeiner Kleinigkeit unzufrieden und deine Gedanken drehen sich die ganze Zeit nur um diese Kleinigkeiten.
Aber dann fällt mir auf, dass ich gerade warm und in Ruhe dasitze, mit einem Dach über dem Kopf und einem vollen Kühlschrank. Umgeben von Menschen, die mir wichtig sind. Dass ich gesund bin. Und dass ich mich heute abend mit lieben Freunden zum Pokern verabredet bin.
Das Problem ist nie, dass wir zu wenig haben – es ist, dass wir vergessen, was wir haben.
Und bevor du jetzt an Dankbarkeits-Sprüche auf Teetassen denkst – warte kurz.
Ich rede nicht von täglichen Listen oder von Ritualen, die sich nach der dritten Woche anfühlen wie Hausaufgaben.
Es reicht ein einziger Moment am Tag.
Ein Moment, in dem du kurz innehältst und etwas bewusst wahrnimmst, das sonst einfach so passiert.
Dein Kaffee, der noch warm ist, die Nachricht von jemandem, der gerade an dich denkt, oder die Tatsache, dass dein Körper dich heute Morgen einfach hat aufstehen lassen.
Keine Zeremonie und kein Ritual – nur eine Sekunde echte Aufmerksamkeit für all das, was stimmt und richtig ist in deinem Leben.
Das klingt fast zu einfach, um etwas zu bewirken …
Leute, die das regelmäßig machen – bewusst hinschauen, was gut läuft – die reden nicht von Erleuchtungen.
Es ist viel simpler als das.
Weniger innere Unruhe.
Dieses nagende Gefühl, dass irgendetwas fehlt, das lässt nach.
Und auch der Drang, ständig etwas Neues zu brauchen, damit es sich besser anfühlt.
Es wird dadurch nicht plötzlich alles perfekt.
Aber das, was da ist, wird wieder sichtbar.
Und das reicht oft schon, damit du innerlich ruhiger wirst.
Du brauchst kein neues Leben, damit sich dein Leben anders anfühlt.
Du brauchst nur neue Augen für das, was schon da ist.
Vielleicht ist schon längst genug da – und du hast nur verlernt, es zu sehen.
Probier es heute einmal aus.
Halt einmal kurz inne bei irgendetwas ganz Normalem.
Und schau es dir an, als wäre es das erste Mal.
Auch im Inneren Kreis geht es im Mai übrigens um Akzeptanz und innere Ruhe – und der bewusste Blick auf das Gute ist einer der direktesten Wege dorthin.
Alles Gute für dich.
@Ralf Senftleben (Zeit zu leben)
Fotonachweis: unsplash.com / @Ashley Batz






